Rotkohl und Geschlechtsverkehr
Seppo Kyrvilä kommt optisch, akustisch und
olfaktorisch seinen Nachbarn näherEin Fenster ist eine tolle Sache. Das weiß ich nicht erst, seit ich in Berlin lebe. In meiner Heimat jenseits des Polarkreises ist es ein zuverlässiger Zeitmesser: Kommt von draußen Licht rein, ist Sommer, kommt keines Winter.
In Deutschlands Hauptstadt läuft es genau andersherum: Man muss von draußen auf die Fenster schauen: Die ersten Frühlingsboten sind hier die Glotzer. Kaum dass die Temperaturen erträglich werden, legt sich mindestens eine Fachkraft pro Vorderhaus ein Kissen aufs Fensterbrett und schaut, was so passiert. Gern trägt man Unterhemd, über das Beinkleid kann nur spekuliert werden.
Im Hochsommer gewinnt das Fenster zusätzlich an sozialer Bedeutung. Durch kontinental bedingte Hitze muss der Hauptstädter permanent bei vollständig geöffnetem Fenster leben. Für einen, der in dem sicheren Gefühl aufgewachsen ist, dass der nächste Nachbar etwa 20 Kilometer entferntlebt, kommt die Erfahrung einer Hinterhofgemeinschaft einem zwischenmenschlichen Inferno gleich.
Die ältere Dame von unten ernährt sich, den Küchendünsten nach, auch bei tropischer Witterung ausschließlich von Rotkohl. Der nette seriöse Herr von gegenüber macht, nachdem er morgens die Vorhänge beiseite geschoben und dem Tag Zugang zu seinen 50 Quadratmetern eröffnet hat, in Boxershorts chinesische Eso-Gymnastik. Und das nette Pärchen, das ich regelmäßig beim "Zeit"-Entsorgen am Papiercontainer treffe, ist von der sprichwörtlichen deutschen Pünktlichkeit bis in das letzte Lebensdetail durchdrungen. Jeden, aber auch wirklich jeden Abend wird, unüberhörbar, pünktlich um 22.30 Uhr zu denjenigen körperllichen Verrichtungen geschritten, die in unserem Kulturkreis als konstituierend für das gelten, was man gemeinhin eine Lebenspartnerschaft nennt.
Kurz: Wildfremde Menschen wachsen zumindest partiell zu einer Art Familie zusammen, die bis auf die Notdurft alles miteinander teilt. Ich erfahre diverse Dinge über meine Mitmenschen, die ich so genau eigentlich gar nicht wissen will. Und was erfahren die lieben Nachbarn über mich?