Ach Rudolph!

Ich stehe knietief im kalten Morast und kaue am trockenen Zweig einer Birke, die hier aus dem Boden ragt. Es schneit seit Tagen, und an ein wenig Sonne ist nicht zu denken. Meine Unterlippe hängt noch tiefer als sonst. Ich sehe unzufrieden aus, das spüre ich.

Der Winter ist lang und sein Ende fern.

Weihnachten ist seit ein paar Wochen rum. Die Menschen spielen mit ihren Geschenken oder haben sie längst gelangweilt in die Ecke geworfen. In der Nähe ihrer Behausungen liegt jetzt noch alles voller Müll unter dem unschuldigen Schnee.
 


 

Ich nähere mich ihren Siedlungen nicht gern, aber manchmal zwingt mich der Hunger. Dann schau ich mir auch die Rentiere an, die eingezäunt herumstehen. Sie sind noch ein wenig erschöpft von Weihnachten, da hatten sie saisonal bedingt gut zu tun, aber nun wirken sie schon wieder etwas angeödet. Borniertes Pack. Den Job hätte ich auch gern - einmal pro Jahr ackern und sonst nur an den nächsten Paarungsversuch denken.
Ich wäre so gern ein Rentier. Dann ginge vieles leichter. Elche wie ich sind hier doch unerwünscht. Sonst könnte ich mich an die wunderschöne Rentierin da hinten rechts ranmachen. Was für ein Geweih.

Ich träume oft so Zeug. Immer noch besser als neulich - da hat mir einer aus kurzer Entfernung dreimal in den Kopf geschossen. Ich bin aber nicht verstorben, sondern habe - in Begleitung einer schönen Frau und die Taschen voller Geld -, einen unglaublichen Bademantel gekauft, ganz bunt gemustert und sogar mir etwas groß. Dann wurde Hand in Hand promeniert und alle Welt war entzückt von dem Anblick.
Das Aufwachen war nicht so schön, weil ich mich an die drei Kugeln und die Augen meines Mörders besser erinnern konnte als an das gute Ende. Deshalb träume ich lieber was mit Tieren.

Mir ist kalt und einen klaren Gedanken kann ich nicht fassen. Ich suche meinen Kopf nach möglichen Einschüssen ab. Vielleicht bin ich doch... Nein, alles dicht bis auf die Fontanellen. Als Elch hätte ich es leichter. Ich könnte mich von der Birke abwenden und die Beine in die Hand nehmen, immer dem Nordlicht entgegen, hochgewachsen und stolz. Weiter und immer weiter. Welch Elch!

Januar 2010

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