Ruhe hier!
Seppo Kyrvilä hat einen merkwürdigen hohen Pfeifton im Ohr,
genauer gesagt sogar in beiden

Ich bin ein vorausschauender Mensch, zumindest, wenn ich Monat für Monat meine Gedanken zum Zeitgeschehen ins geschriebene Wort erlöse. So schrieb ich vor gut fünf Wochen über das Ergrünen der Flora und das Erwachen der Natur, obwohl es schneeregnete und die Bäume noch so kahl waren wie Lieutenant Theo Kojak.
Ein Großereignis des damals bevorstehenden Monats ist mir damals schlicht und ergreifend gegangen: Am 16. April war nicht nur der 81. Geburtstag Papst Benedikts des Sechzehnten (den naheliegenden Kalauer erspare ich mir und allen Lesern), sondern auch der internationale Tag gegen Lärm.
Das entging mir übrigens  auch an dem Tag selbst. Ich trat am Morgen auf die Straße, und dort war nun wirklich nichts von einem Tag der Ruhe zu spüren. Wie immer dröhnte der Verkehr auf der vierspurigen Magistrale Richtung Zentrum, im Bus musste ich parallel gleich mehrere lautstarke Telefonate mit anhören: Ein Krawattenmann brüllte, wohl um sich und die Umstehenden von seiner Wichtigkeit zu überzeugen, herrisch einen Untergebenen an, eine junge Frau diskutierte fernmündlich mit einer Artgenossin deren zwischenmenschliche Probleme zu respektive mit einem gewissen Oliver, der offenbar ganz nett, aber emotional etwas überfordert ist.
Als ich auf den Anschlussbus wartete, wehte vom Leipziger Platz eine Sinfonie für Presslufthammer und Steinsäge entgegen. Im Institut teile ich mein Büro mit einem Menschen, der vermutlich der Erfinder des Jahres gegen die Ruhe ist. Obwohl ich wie gesagt nicht wusste, dass jener Tag der Stille geweiht war, sehnte ich mich nach selbiger und ging nach der Heimfahrt, die ich über einem dröhnenden Busmotor sitzend im trauten Kreise junger pöbelnder Orientalen verbrachte, in eine normalerweise recht ruhige Gastwirtschaft. Doch der DFB hatte, obwohl es Mittwoch war, einen Ligaspieltag angesetzt, und so schauten ein paar grölende Burschen schon am späten Nachmittag ein Match des FC St.Pauli, von einem zahnlosen Gnom mit wüsten Verwünschungen begleitet. Von Ruhe keine Spur.
Trost spendet mir nun der Gedanke an den vor uns liegenden, wirklichen und einzigen Kreuzberger Tag der Stille - den Pfingstsonntag.
Nachdem auch der letzte Autofahrer gemerkt haben wird, dass die Gegend um den Blücherplatz dicht ist und bevor die Trinker und Trommler das Viertel fluten, lässt sich an der verlassenen Blücher trefflich Kaffee trinken und Zeitung lesen. Nur die Vögel zwitschern. Aber die kriege ich auch noch.

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