Schere schneidet ohne Schuld
März 2007

Neulich war ich mal wieder einkaufen. Nein, nicht Milch und Käse wie sonst immer - ich war im Bauhaus zwecks speziellem Werkzeug für meine abstrusen nächtlichen Phantasien.
Als ich wieder zuhause war, hatte ich eine Schere gekauft und ziemlich schnell gemerkt, dass sie zu nicht viel mehr als ihrem eigentlichen Zweck taugt, und genau den wollte ich nicht exekutieren. Also schleuderte ich die Schere in die Ecke, wie das ein Kind tun würde mit zerbrochenem Spielzeug.
Heute Vormittag litt ich nun unter bohrender Langeweile und da habe die Schere wieder hervorgekramt, denn eine Idee reifte in mir: Angefangen habe ich mit den drei Kleinen, also Tick, Trick und Track. Ganz gut geworden. Ich hatte zum Glück in einem Schuhkarton schwarzes Papier gefunden - wie heißt denn das noch - so'n dünnes, weiches, kohlrabenschwarzes. Ausschneiden mit normalem Papier wäre vielleicht besser, aber so leicht wollte ich es nicht haben.
Dann kam der Onkel dran. Donald ist schwierig. Ich musste herausarbeiten, dass er ein Verlierer, ein Schnorrer, ein Habenichts ist, und die intellektuelle Überlegenheit seiner Neffen sollte natürlich auch in seinem Gesicht geschrieben stehen. Gar nicht so einfach, aber ich bin ganz zufrieden mit meiner Arbeit.
Wie das so ist nach derartigen Anstrengungen, griff eine tiefe Leere nach mir, ich fühlte mich elend, ich fühlte mich schuldig. Hatte ich den Ducks nicht Unrecht getan mit meiner künstlerischen Interpretation? Gab es zwischen mir und der Welt nichts als das sinnlose Herumschnippeln an Fertigem? Ich dachte über eine Lösung nach, etwas, das mir diese schreckliche Schuld nimmt und zugleich neue Kräfte in mir weckt.
Ich machte mich sofort an die Arbeit, eine Wicklung, die Walze, ein paar Bohrungen, die Kurbel habe ich am Schraubstock gebogen und das Gehäuse hatte ich noch in dem Karton unter der Spüle. Die Metallblättchen habe ich aus einem alten Schließzylinder gebaut und endlich war es soweit.
Eine schöne Sache: ich drehe an der Kurbel, damit die Walze sich bewegt, die Blättchen schleifen über die Walze und ein Liedchen erklingt. Es sind so milde Töne, dass gleich alles von mir abfällt, kein böses Wort kommt mehr aus mir, alle Welt ist mit mir eins, und die Schuld, ja, die Schuld! Aus ihr wird etwas ganz anderes, sie geht nicht weg, wie sollte das auch möglich sein, aber sie dreht sich um in etwas, das ich »wilde Heiterkeit« nenne. Ich hab's! Das Leben ist doch schön.

<