Schock-Ekel-Monster-Rock-Fußball
Seppo Kyrvilä kennt den süßen Geschmack des SiegesIch lebe in Kreuzberg. Ich schreibe für Kreuzberger Leser über Kreuzberg. Kreuzberg Kreuzberg über alles! Aber ein letzter Funke glimmt, der mitunter ein kurzes Strohfeuer des freudig bekennenden Finnentums in mir entfacht. Meistens hat das etwas mit Wintersport zu tun.
Im Mai jedoch gab es einen Triumph zu feiern jenseits von Piste und Loipe, überraschender und daher überwältigender, als dies ein Sieg gegen das verhasste blau-gelbe Drei-Kronen-Eishockeyteam jemals sein könnte: Erstmals ging der Sieg im Eurovison Song-Contest an mein Heimatland. Sieger waren fünf junge Männer, die mit den Gewinnern früherer Jahre wie Udo Jürgens, Abba oder Nicole in etwa soviel gemein haben wie Kreuzberg mit Dahlem oder Friedrich Schindler mit Mutter Teresa.
Finnland tobte vor Begeisterung, der Rest des Kontinents vor Wut. Aber was stören den Triumphator die schlechten Verlierer. Natürlich finden viele Menschen irgendwelche harmlose Ethnopop-Stückchen, dargeboten von einer oder mehreren slawischen Schönheiten, schöner als eine schlechte Retro-Poser-Rock-Hymne von einem Quintett halbverwester Mumien, Monstren und Mutationen. Aber nicht immer führen Liebreiz und Schönheit zum Erfolg.
Das kann für Deutschland im Jahre 2006 eine wertvolle Lektion sein. Es geht in diesem Sommer um die Weltmeisterschaft im Fußball. Dreimal schon siegte der diesjährige Gastgeber - schön im eigentlichen Sinne war es nie: 1954 rangen die Spieler um Fritz Walter bei veritablem Mistwetter in einer Schlammschlacht Ungarns Zauberteam nieder, 1974 half ein zweifelhafter Elfmeter gegen die überlegenen Holländer und 1990 wirkten unter anderem Klaus Augenthaler, Thomas Berthold und Jürgen Klinsmann bei allen Spielen des Turniers mit. Letzterer, mittlerweile vom fallsüchtigen Antitechniker zum Teamchef befördert, hat hoffentlich den Schlagerwettbewerb aufmerksam verfolgt und sich an die WM in Italien erinnert gefühlt. Südamerikanischer Schönspielerei, afrikanischer Eleganz dürfte nur mit traditioneller deutscher Fußballhässlichkeit beizukommen sein: Rennen, grätschen und schließlich im Elfmeterschießen gewinnen.
Doch dummerweise musste der blonde Mann aus Schwaben sein Team benennen, bevor Lordi sein Gedächtnis auffrischen konnte. Anderenfalls hätte er sicherlich deutlich mehr Spieler von Hertha BSC benannt. Ein Arne Friedrich allein macht leider noch lange keinen erfolgreichen Schock-Ekel-Monster-Rock-Fußball.