Tom Cruise läuft gern lange Strecken
Seppo Kyrvilä hat ein Sektentreffen beobachtetTom Cruise hat es am Ende nun doch getan respektive gedurft. Er hat sich im Bendlerblock erschießen lassen, weil er versucht hat, Hitler umzubringen. Nicht er im eigentlichen Sinne, sondern Graf Stauffenberg, den nämlicher Cruise in einem US-amerikanischen Spielfilm verkörpert. Natürlich war die Erschießung auch nur gestellt. Der Frage, ob Graf Stauffenberg wirklich nur einen Meter vierzig maß, möchte ich an dieser Stelle nicht nachgehen - ich bin schließlich Ethnologe und kein Historiker.
Ob jedenfalls die Erschießung des Grafen am Originalschauplatz nachgestellt hätte werden dürfen, erregte bis vor kurzem die Gemüter, zumindest jene vom Schlage eines Gunnar Schupelius oder so ähnlich. Dabei war nicht entscheidend, ob jeder Amerikaner seine Schundfilme an Orten deutscher Geschichte, zumal in Bundeseigentum, drehen dürfe, sondern die Religionszugehörigkeit des Herrn Cruise. Dieser ist nämlich Anhänger einer Sekte, die unlängst gar die KuK für ihre sinistren Anliegen instrumentalisieren wollte. Nicht zuletzt deswegen hat sich auch der Verfassungsschutz der Scientology-Truppe angenommen, wie mir Peter S. Kaspar glaubhaft machte.
Andere Sekten haben es da leichter in Berlin. ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Ich passierte zufällig an einem verregneten Samstagnachmittag (eigentlich war es ein Sonnabendabend) den Bahnhof Messe-Nord und erblickte eine Menschenmenge, der ich unwillkürlich (so funktionieren Sekten nämlich) folgte. Gemeinsam strömten wir in eine Messehalle, in der sich Seltsames zutrug. Die Prozession der Pilger reihte sich auf, um von uniformierten Priestern Zettel mit Nummern und jeweils einen Schwamm zu empfangen. Danach kam es zu der völligen Abwesenheit von Exzessen: Es wurde gallonenweise alkoholbefreites Bier gezischt, und das ohne jedes Nikotin. Ich habe noch nie so viele Nichtraucher auf einem Haufen gesehen. Danach zerstreute man sich - doch nicht für lang. Schon am nächsten Morgen sollte ich die zunächst rätselhaften Nummernzettel wiedersehen. Die Prozessanten hatten sie mit Sicherheitsnadeln an farbenfrohen Kunststoffleibchen befestigt und rannten zu Zehntausenden durch die Stadt - mehr als vierzig Kilometer. Und was machten die Ordnungsbehörden? Nicht genug, dass sie derlei Umtriebe duldeten - sie sperrten sogar die Straßen für diese zutiefst unchristliche Prozession und duldete gar, dass sich die Sektenfreaks nach vollzogenem Bußmarsch Amulette umhängten und in eigenartigen gelbe Kunststoffkutten die Stadt überschwemmten. Otto Schily - j‘accuse!