In einer Septembernacht

So, fangen wir doch gleich mit dem zweiten Teil an. Der erste drehte sich um Altersweitsicht und Magnesiumbrause, die gegen morgendliche Wadenkrämpfe helfen soll. Ein paar Biere weniger würden es auch tun.
Alles nicht so aufregend.
Neulich saß ich bis in den frühen Morgen in einer Künstlerkneipe in der Blücherstraße. Mit mir am Tresen zwei alte Männer, die sich mit sich selbst unterhielten oder der Barfrau, sie so um die Dreißig. Der eine rauchte Pfeife und suchte endlos nach dem Ding, mit dem er drin stochern wollte. Nachdem er alle Taschen durchkramt hatte, fand er es hinter seinem Bierglas.
Fragt ihn der Andere: "Was ist eigentlich mit der Meerschaumpfeife - noch Interesse?"
Schweigen. Stochern.
Dann: "Das war keine Meerschaumpfeife sondern eine Porzellankopfpfeife." Mit diesem Vorwurf im Unterton, den solche Männer gegenüber Ignoranten haben.
Der mit ohne Pfeife sagt was, das kein Mensch versteht und rennt raus.

Das Gespräch spielt einige Zeit mit dem Dialekt des Pfeifenrauchers, aber es erstirbt schnell, schließlich sind alle Späßchen über Schwaben in Berlin längst gemacht.
Genau im richtigen Moment springt der Andere wieder zur Tür herein, öffnet eine alte hölzerne Kiste, gut gefüllt mit den verschiedensten Pfeifen. Gebrauchte Tabakspfeifen. Er reicht sie dem Raucher, der nun mäßig interessiert darin wühlt. Nach wenigen Sekunden greift er eine Meerschaumpfeife heraus, nimmt sie kalt in den Mund und zieht tief. Zieht nochmal, tiefer.
"Ausgeraucht", sagt er und wirft sie achtlos in die Kiste zurück.
Der Andere: "Was heißt hier 'ausgeraucht'? Das sind alles Spitzenpfeifen, ich bin seit Jahren im Geschäft und ich habe einen Ruf zu verlieren."
Keine Reaktion.
Da sagt die Barfrau: "Genau, und nachher heißt es 'Das ist doch der mit den beschissenen Meerschaumpfeifen'". Kein Mensch lacht über diese schön gesprochene Wahrheit und mir ist übel von der Vorstellung, an der seit Jahren kalten Pfeife eines Fremden zu ziehen.
Die Frühschichtfrau kommt zur Ablösung, sie sieht müde aus und ihre Augen sagen mir: Geh nachhause, Penner. - Ich antworte nicht, denn sie hat ja recht.
Die Nachtschicht rechnet ab und bringt uns Jungs die kleinen rosa Zettel mit den Strichen. Der Pfeifenraucher fängt keinen Streit an über die angeblich getrunkenen Halben, der mit der Pfeifenkiste zählt nervös sein Geld und ich zahle lachend, aus Gleichgültigkeit gepaart mit norddeutscher Lebensfreude.
Die Putzkraft wischt den Boden nass und nähert sich meinem Barhocker. Ich nehme die Beinchen hoch und der Lappen umkreist ihn linksherum und rechtsherum, dass es eine Freude ist für Hausfrauen wie mich. - Ich bestelle ein Bier und die Frau nickt barsch. Lass sie denken, was sie will, denn ich habe zu tun: Wo ein Kreis ist, ist das Viereck nicht fern, und wie ist es denn nun mit der Quadratur des Vierecks? - Puh, das kann dauern.

September 2009
 

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