Jeden ihm seine Mitte?
Seppo Kyrvilä hatte Besuch aus der Heimat

Neulich hatte ich Besuch aus Finnland. Das kommt häufiger vor. Berlin ist für Menschen aus meiner Heimat ein ideales Reiseziel: Der Weg ist nicht besonders weit, in den meisten Monaten holt man sich keinen Sonnenbrand und die Bierpreise sind für einen Finnen ein kleiner Vorgeschmack auf das Paradies. Diesmal war es mein alter Studienkumpel Ari-Pekka. Es war sein erster Besuch. Jeder zugezogene Berliner weiß wohl, was das bedeutet: je nach Kondition und Bildungshunger des Gastes ein zwei- bis fünftägiger Marsch zu den aus Funk, Fernsehen und Folklore bekannten Sehenswürdigkeiten. Pflicht ist in jedem Fall ein Fußmarsch vom steingewordenen Größenwahn am so genannten Potsdamer Platz entlang des steingewordenen schlechten Gewissens an der Ebertstraße zum steinernen Symbol deutscher Einheit, dem Brandenburger Tor. Entsetzlich, aber immerhin gut mit dem Bus zu erreichen. Ari-Pekka war schwer begeistert: »Du wohnst ja total zentral, im Herzen der brodelnden Metropole quasi.«
Ich war verblüfft. Kreuzberg soll mitten in Berlin sein? Ein Teilbezirk, der sich seit jeher über seine Rand-, wenn nicht gar Frontlage definiert und nicht zuletzt deswegen verwegene Typen wie mich anzieht? Absurd! Andererseits ist man wirklich in ein paar Minuten am Reichstag oder in der Humboldt-Universität - so weit vom Schuss kann es also auch wieder nicht sein. Meine Neugierde war geweckt: Wo genau ist eigentlich der geografische Mittelpunkt von Berlin? Nach einigen erfolglosen Versuchen im Stile der Sendung mit der Maus mit kopiertem Stadtplan, stabilem Karton und Bindfäden begab ich mich an den Computer. Bizarrerweise wurde ich auf der Seite der Berliner Polizei fündig: Alexandrinenstraße 12.
Die Mitte liegt also keineswegs im gleichnamigen Bezirk. Also mal wieder so ein typischer Berliner Etikettenschwindel wie mit Schöneberg, das weitaus treffender Unschöneberg hieße, oder Wannsee, das keineswegs ein See ist. Vom Gesundbrunnen möchte ich an dieser Stelle schweigen.
Selbstverständlich begnügte ich mich nicht mit der bloßen Information, sondern machte mich nach Ari-Pekkas Abreise auf den Weg zum Mittelpunkt der Hauptstadt. Der Ort war äußerst unspektakulär - eine zugige öde Ecke im Kreuzberger Norden, ein paar Häuser, Bäume, ein Sportplatz.
Auffallend war nur ein alter Mann mit einem Tropenhelm, der ohne erkennbaren Sinn ein ziemlich schwer aussehendes altertümliches Holzstativ durch die Gegend schleppte. Er wirkte verwirrt. Doch auch er verlieh dem Ort keinerlei Glanz oder Exotik. Die ganze Stadt ist ja voll mit seltsamen Menschen.

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