Sommerkind

Ganz schön zu tun dies Jahr. Vor ein paar Tagen feierte ich den 33. Jahrestag meines Zuzugs nach Berlin (West), aber das war erst der Anfang. Am 1. Mai wohne ich seit 25 Jahren in Kreuzberg und im August habe ich Geburtstag - wieder ein halbes Jahrzehnt rum plus Schnapszahl. Wenn ich mich ein wenig bemühe, kommen noch zwei drei Jahrestage dazu, aber das ist mir zuviel Rechnerei.
Nun überlege ich, welches Datum ich für die zentralen Festlichkeiten nehmen soll - dreimal feiern ist selbst mir zu anstrengend. Ende Januar kam nicht in Frage, schon wegen der Bodenverhältnisse.
Der 1. Mai ist auch schlecht, da sind alle auf dem Mariannenplatz oder in der Uckermark. Und an einem so wichtigen Geburtstag noch zwei andere Sachen feiern, die dann so lang zurückliegen? Das wäre eine Überfrachtung, finde ich.

Der Autor sitzend, mit Teilen der Familie.

Das Bild ist wegen Mutti Helene Luise so schön - und wegen der Wagenräder! Hingucken! Ein Cadillac auf seine Art, noch dazu mit Rassel! Beachten Sie die Haustür halblinks oben, die habe ich vom Zeitpunkt der Aufnahme an (die vermutlich von meinem missratenen Vater stammt und so ziemlich das einzige ist, was er nicht verwackelt hat) noch etwa 20 Jahre lang durchschritten, durchwankt, durchlitten, bevor ich mich aufgemacht habe zum Flughafen Hamburg-fuckin'-Fuhlsbüttel, um für immer nach Tegel zu fliegen.
Heilige Scheiße, was für eine Tür.
 

Ist noch ein halbes Jahr Zeit, aber erste Überlegungen über den Sinn des Daseins könnte ich schon mal anstellen. Dasein, nicht Leben. So lustig wie für den kleinen Sonnenschein da in dem Kinderwagen ist es längst nicht mehr. Zwangsvorstellungen, Angst, Zweifel, Trauer und Trunksucht kamen mit der Zeit und Zipperlein in Überzahl. Zum Glück ist die Sache mit den Füßen gerade nicht so schlimm. Aber sonst. Kaum ein Tag, an dem ich nicht bitterlich weinen muss. Oder Valium mit Trinken.
Und nun wochenlang Frost mit Gehsteigen wie barfuß am Strand. Dazu die gute Aussicht, sich ein Beinchen zu brechen, weil die Stadtreinigung nicht zuständig ist und ein Hauswart zu teuer. Noch schlimmer ist nur das fast endlose Gerede darüber. "Hast du den Schnee bestellt?" Oder "Frisch draußen." - Die Bedeutung des Wetters ist besonders im Fernsehen in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegen und mit ihr der Glaube an die Vorhersagbarkeit desselben über die nächsten paar Stunden hinaus. Kachelmann und so Pack. Fliege war auch so einer. Glauben eben.
Letzte Woche kamen wie immer ein paar Kumpels zum Canasta. Sonst bringen die eine Kiste Bier mit und ein Rohr. Diesmal waren es nur drei Schaufeln Schnee.

Ich weiß schon, warum ich den Januar so schrecklich finde, aber der ist nun rum. Kann ich vielleicht bald feiern.

Februar 2010

<