Ein Sommerlied
Juli 2011

Wenn ich auf dem Stuhl in der Küche sitze, kann ich alles hören. Die Frau in der Wohnung oben saugt seit Stunden Staub. Das monotone Blasen des untermotorisierten Geräts wird gebrochen vom Poltern der hölzernen Clogs, die die Frau bei der Hausarbeit trägt. Filzpantoffeln wären mir lieber, aber wo soll ich die jetzt herkriegen.

Oder im Treppenhaus. Nach Jahren des Sitzens auf meinem Stuhl kann ich gut unterscheiden, wer treppauf unterwegs ist und wer treppab. Mann und Frau weiß ich längst zu benennen, da geht es nach Gewicht und gewissen motorischen Feinheiten. - Die einen sprechen Dänisch, andere Ungarisch, wieder andere sprechen nicht, sondern lauschen dem tonlosen Nuscheln ihres MP3-Players. Jetzt kommt ein Mann die Treppe rauf, pfeift ein Sommerlied und so etwas habe ich noch nie gehört. Ganz gut gepfiffen, aber das Stück ist einfach beknackt. Sowas pfeift doch kein Mensch.

Ich könnte hinausgehen, statt hier herumzusitzen und die Nachbarn zu belauschen. Leider regnet es seit Wochen und ein Sturm geht, dass die Leute mit Regenschirmen ihren Kampf nur verlieren können. Sie hasten um die Ecke, da greift in die Speichen die garstige Bö und fetzt alles weg. So sind die Straßen voll mit zerbrochenen Schirmen, wie tote Vögel liegen sie in den Ecken, Raben, Flamingos, dort ein einst stolzer Schwan. - Und was wird aus einem Menschen, ganz plötzlich ohne Schirm? Er wird nass.

Ich bleibe also, wo ich bin. Meine Nachbarin unterhalb höre ich nie. Vor drei Jahren hat sie eine Vase mit Blumen ins Treppenhaus gestellt, und aus ihrer Sicht hat sie richtig gehandelt. Die Pflanze hat so böse gestunken, dass das in der Wohnung nicht ging. Das war für uns andere auch nach Tagen ganz schwer zu ertragen, aber gepfiffen hat damals kein Mensch.

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