Sommertagträumer

Seppo Kyrvilä und ich hängen vor dem Literaten-Café auf der Blücherstraße ab. Ich trinke Alkohol mit Weizenbier, er ohne. Wir sitzen an einem Tisch direkt an der Bushaltestelle, so dass für Unterhaltung und ordentlich Krach gesorgt ist. Warum sollte uns langweilig sein.
Die Sonne scheint auf uns und ganz Kreuzberg hernieder, der Frühling ist da und endlich ist alles grün grün grün. Nur der Himmel nicht. Wir erzählen uns alte Geschichten. Seppo, wie er beim Verlassen einer Finnair-Maschine auf dem Flughafen von Helsinki sich selbst und eine Frau vom Bodenpersonal umgerissen hat; ich, als ich wegen angeblicher Zusammenarbeit mit der Irisch-Republikanischen Armee das Interesse des Staatsschutzes auf mich zog. Die beiden Geschichten haben nur eins gemein - der Alkohol spielt die tragende Rolle.
Wir schweigen nun, wie nicht mehr ganz junge Männer dies tun, wenn sie früherer Heldentaten gedenken. Seppo klagt über Rückenschmerzen und ich habe es an der Blase. Er nimmt starke Tabletten, ich viel Bier.
Der nächste Bus kommt. Wieder bis zum Hauptbahnhof, der hier so weit weg ist wie das Ende der Welt. Ein blücherstraßenweit bekannter Rauschgiftkleinhändler steigt gutgelaunt aus und verschwindet im Supermarkt gegenüber. Er kommt mit ein paar Flaschen Bier im Arm wieder raus und nimmt Platz auf der Sitzreihe unter dem Dach des Wartehäuschens. Sehen können wir ihn nicht mehr, aber es ist klar, dass er mit einem Plastikfeuerzeug die Kapsel hebt und es schön zischen lässt. Vielleicht hat er später noch Kundschaft, dann könnte es reichen für ein paar Gläser im Schatten der Bar.
Sonst passiert nichts.
Seppo spricht über den Sommer in Finnland, aber die Geschichte ist naturgemäß kurz. Er kann sich nicht erinnern, jemals in einem Straßencafé gesessen zu haben. Jedenfalls nicht im Sommer. Ich spüre, dass er kurz davor ist, über den Winter zuhause zu sprechen. Seppo ist traumatisiert. Im Sommer geht die Sonne nicht auf und im Winter nicht unter. Seppo zittert jetzt am ganzen Körper. Vor zehn Jahren wurde mit minus 51,5 Grad Celsius ein neuer finnischer Rekord gemessen.
Seppo hat die Hände vors Gesicht geschlagen und schluchzt leise. Zeit zu handeln. Ich lege meine kühle Hand auf seine zuckende Schulter und sage: "Lieber Seppo, schau nur, was für ein wunderbarer Tag das ist. Kein Frost, kein meterhoher Schnee, alles blüht. Und bald ist Pfingsten und Karneval, da tanzen deine Landsleute die Gneisenaustraße hoch, als hätten sie im Leben noch nicht gefroren. Seppo!"
Ein Ruck geht durch den Mann. Er steht auf, trocknet seine Tränen und macht sich auf die Socken rüber zum Spätkauf. Ich weiß schon, was jetzt kommt. Er spendiert uns ein Eis.

Mai 2009

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