Spekulatius
Juli 2005

Vor sieben Jahren hatte ich eine traumatische Erfahrung. Es war Hochsommer und ich lief auf dem kochend heißen Dach eines achtstöckigen Hauses in der Nähe vom Wittenbergplatz herum, um die Aussicht zu genießen oder wegen irgend etwas anderem. Unten krabbelten die Menschen herum wie Ameisen auf dem Weg ins KaDeWe oder verschwanden für immer in der U-Bahn, da fand ich eine Uhr - richtig, vor meinen Füßen lag eine Armbanduhr der Marke Swatch mit einem schwarzen Plastikarmband, wie Kamera-Assistenten sie tragen oder Hubschrauberpiloten; jedenfalls nicht Leute wie ich und schon gar nicht Dachdecker, deren Anwesenheit so knapp unter dem Himmel ja akzeptabel gewesen wäre. Allerdings war ich ganz allein dort oben und die Gedanken kamen wie von selbst. Die von der Uhr gezeigte Zeit entsprach exakt der auf dem Dach, wenn man davon absieht, dass sie eine Stunde nach ging, also musste sie vor Ende März des betreffenden Jahres verlorengegangen sein, vor dem Beginn der Sommerzeit. Verlorengegangen ist gut. Ich wusste nichts über die näheren Umstände dieser Uhr und schon spekulierte ich über Gott und die Welt, Raum und Zeit. Wie also war wessen Uhr wann genau und warum hierher gekommen? Und wieso war es ausgerechnet an mir, sie zu finden? War ich wirklich der einzige mit einem Schlüssel zur Tür zum Dach?
Ich weiß es nicht. Sieben Jahre später gehe ich nachhause in die Fürbringer, vielleicht hat die Vergangenheit ihren Schrecken verloren, vielleicht hat die Zeit sich mal wieder gekrümmt. Ich lustwandle also durch meine kleine Straße, freue mich, dass das "Mittendrin" weg ist und das Videodrom noch da, drüben vom "Too Dark" winkt lustig der Barmann und ich kaufe drei Stück Sonderangebotskuchen für 1,50 und Pizzabäcker Hassan von schräg gegenüber wünscht einen Guten Appetit. Dann vergesse ich die Uhr auf dem Dach.

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