Stich hilft
Mai 2007Ein Mann meines Formats sollte sich nicht so gehen lassen, schon gar nicht, wenn der Anlass dermaßen abgeschmackt ist, ich weiß, aber ich komme nicht hoch aus dem Bett, ich habe solche Angst.
Ich leide an Triskaidekaphobie und bin heilfroh, dass ich das weiß. Ich weiß auch, dass es statistisch gesehen unsinnig ist; Missgeschicke, Unfälle und sowas kommen heute nicht häufiger vor als an anderen Tagen, und wenn ich es bis zum Fenster schaffen würde, könnte ich mich davon überzeugen, dass die Sonne wie üblich aufgegangen ist und sich auf der Straße keineswegs die Leichen auf Bananenschalen ausgerutschter Pechvögel stapeln. Ich schaffe es aber nicht bis zum Fenster. Ich kann noch nicht einmal den Kopf unter der Bettdecke hervornehmen, weil ich befürchten muss, dass genau dann ein Teil des Deckenputzes auf ihn niedersaust. Das ist tatsächlich passiert, allerdings über dem Schreibtisch, aber damals saß ich gerade woanders, und ein Freitag war es auch nicht. Auf dem Weg zur - nun, nehmen wir einmal das Beispiel der - Toilette liegen keine Bananenschalen. Ich habe mein hier schon beschriebenes, diesbezügliches abweichendes Verhalten unter Kontrolle bringen können. Also auch keine Gefahr von unten.Dabei bin ich überhaupt nicht abergläubisch! Ich würde sogar unter Leitern hindurchgehen, wenn das nicht eine ausgemachte Dummheit wäre - wie leicht fällt einem ein Farbeimer auf den Kopf... oder gleich der dazugehörige Maler. Ich würde auch ohne weiteres das Kalenderblatt des heutigen oder des nächsten Tages abreißen, wäre das nicht völlig sinnlos. Dann nämlich würde mich jetzt eine 14 von der Wand da drüben ansehen wie ein ewiger Vorwurf. Das hält doch kein Mensch aus.
Was soll ich nur tun?
Das Telefon klingelt seit Stunden, wahrscheinlich meine Cousine aus Donaueschingen, die das Wochenende mit mir verbringen wollte. Ich hätte sie ja gern vom Flughafen abgeholt, aber ich hatte völlig vergessen, dass ich heute nicht kann.
Ich hebe die Bettdecke leicht an und starre auf das Bügelbrett mit dem hohen Stapel aus knittrigem Zeug. Alles ruhig, der Turm bebt nicht. Ich drehe mich auf den Rücken. Der Deckenputz lächelt verbindlich und ich nehme endlich die speckige Ramazzotti-Mütze ab. Ich setzte mich auf. Der linke Zeigefinger schmerzt und das Blut pocht. Richtig, eine Wespe oder sowas hat mich gestern gestochen. Gestern.
Ich erhebe mich und alles tut mir weh von der Angst. Mit dem Stich von gestern kann mir doch heute nichts mehr passieren. Ich rufe jetzt meine Cousine an.