Je stiller die Nacht
Dezember 2005Sie saßen in der winzigen Kammer hinter dem Saal. Die Klänge eines alten Weihnachtsliedes drangen dumpf durch die staubgraue Wand. Auf dem Tisch brannte eine dicke rote Kerze und warf unruhige Schatten auf die Gesichter der beiden. Sie sprachen nicht. Er starrte auf den Kalender über ihrem Kopf und grübelte, ob er Gestern wirklich noch abreissen sollte. In ein paar Tagen hängt da sowieso ein neuer, dachte er träge. Sie verbrannte kleine grüne Nadeln, die sie von dem Zweig unter der Kerze pflückte.
»Mach doch mal das Radio an«, sagte sie.
Er drehte sich um zum Regal in der Ecke und hob den Schalter. Eine schöne Stimme aus dem Äther sprach: »... da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger...«
Sie starrte ihn fassungslos an. »Mach aus«, sagte sie. Ihr Gesicht war hart. - Tu was sie sagt, dachte er. Und sagte: »Hoffentlich sind die bald fertig mit ihrer blöden Weihnachtsfeier. Schön 'O Tannenbaum' singen und sich den Bauch vollschlagen und wir warten hier ewig auf Feierabend.«
»Ihr Hausmeister habt doch immer was zu jammern. Generalschlüssel festhalten ist ja sooo eine schwere Arbeit.«
»Soll der Kasten über Nacht offen stehen oder was? Abschließen muss sein.«
»Und ich muss nachher noch den ganzen verdammten Saal putzen und bohnern.« »Na und? Morgen noch und du hast zwei volle Wochen Urlaub.« »Und du kriegst später das Doppelte an Rente.«
Sie schwiegen wieder gedankenlos. Der Geruch verbrannter Nordmanntannennadeln hing schwer in der Luft. Er rauchte. Wortfetzen drangen durch die Wand. - Jetzt sind sie immerhin schon bei der Ansprache, dachte er. Sie dachte: Blödmann, und stocherte mit einem abgebrannten Streichholz im Aschenbecher. Das Klopfen hatten sie nicht gehört, so leise war es gewesen. Da stand der Weihnachtsmann in der Tür, groß und dick und mit rotem Mantel.
»Wer bläst denn hier Trübsal«, rief er und schwang lachend die Rute. »Nun kommt schon, drüben ist für euch gedeckt, und Gänse warten nicht gern. Keine Angst, Kinder, die Rede ist vorbei! Jetzt wird gefeiert und ihr seid dabei.«
Die beiden sahen sich kühl an, zögerten, standen endlich auf und glotzten dem Weihnachtsmann nach. Die Tür stand leer und offen und sie glaubte zu träumen. Der Hausmeister ging voran, glaubte an gar nichts als die Gans auf dem Tisch und sagte: »Ich helf dir dann beim Müll.«
Sie glaubte noch immer an einen Traum, als sie hinter dem Weihnachtsmann in den Saal trat. Er war schön und festlich geschmückt, vorn auf der Bühne stand ein Schlitten, vollgepackt mit Geschenken. Ein schwerer Bratengeruch zog lecker durch den Raum und die Gäste blickten erfreut auf die Parade der Nachzügler. 'Stille Nacht' verklang und Hüte mit den Losen für die Tombola gingen herum. Sie kämpfte mit den Tränen. Ein wenig vor Glück, denn der Hausmeister brachte ihr Punsch.