In den Straßen der Stadt
März 2011

"Nun zieh schon deinen beschissenenen Pepita-Paletot aus", rufe ich mir zu und stehe im nächsten Moment ohne da. Dann nehme ich die Perücke vom Kopf und reiße den Schnurrbart ab. Und bloß raus aus den Schuhen. Die Aktentasche mit dem Sprengstoff habe ich schon bei Reinkommen an der Garderobe hinter der Tür abgegeben.
Endlich zuhause!
Heute Nacht habe ich fünf Automaten geschafft. Das ist neuer Rekord, aber kein großes Wunder, denn der Mensch soll seine Methoden immer weiter entwickeln. Und die Polizei kann ruhig denken, es handele sich um mehrere Täter. So hat ihre "SoKo Kaugummiautomat" schön Beschäftigung. Ist angesiedelt beim Landeskriminalamt in der Keithstraße, Abteilung Delikte am Menschen. Natürlich möchte ich nicht, dass bei meinen Anschlägen Leute zu Schaden kommen, aber völlig auszuschließen ist das nicht. Deshalb Delikte am Menschen. Wenn Sie beispielsweise ein Auto anzünden, können Sie nicht wissen, ob der Halter des Fahrzeugs eine gefesselte und geknebelte Person im Kofferraum versteckt hält. Und dann ist Ihre kleine Brandstiftung plötzlich was ganz anderes.
Was in der Art ist mir Anfang Februar in der Eylauer Straße passiert. War kurz vor Mitternacht, ich hatte alles soweit fertig und Deckung hinter einem Auto genommen. Ich guck nochmal rechts und links und lasse zünden. Es knallt schön und der ganze bunte Dreck fliegt in die Luft. In dem Moment kommen drei Kerle aus der Haustür nebenan, keine zehn Meter weg. Sie starren sich an, verstehen nicht, was der brennende Kaugummiautomat soll. Verletzt wird niemand, dennoch gerate ich in eine kurze Panik, in deren Verlauf ich hinter dem Auto hervorspringe und wegrenne. Die Männer machen genau das, merkwürdigerweise in dieselbe Richtung. Ich bleibe nach kurzer Strecke völlig ausgepumpt stehen, sie aber laufen weiter, immer weiter, bis ich sie nicht mehr sehen kann.

Am nächsten Tag habe ich routinemäßig den Polizeibericht durchgesehen und festgestellt, dass vier schwarz gekleidete Täter vom Tatort geflüchtet waren. Außerdem hat ein Metallsplitter die Fensterscheibe in der Wohnung einer Frau im Haus gegenüber durchschlagen. Sie ist die einzige Zeugin und hat die Polizei gerufen. Irgendwoher müssen die Sportsfreunde ihre Informationen kriegen, das leuchtet ein. So erfuhr die Welt darüber hinaus, dass der Splitter nach Durchschlagung der Scheibe im Vorhang hängengeblieben war. Die Frau war auf die Sprengung aufmerksam geworden, weil sie einen "lauten Knall" gehört hatte. Da muss ich noch an mir arbeiten, schließlich ist auch Krach Umweltverschmutzung. Aber dass ich nach einem Anschlag den ganzen Dreck selbst zusammenkehre - nein, so weit gehe ich nicht der Umwelt zuliebe.
Ich sitze am Küchentisch und habe die Wunde am Hals versorgt, die der Rotor eines kleinen Plastikhubschraubers gerissen hat. Er hat mich erwischt, als ich noch nicht hinter dem Auto abgetaucht war. Manchmal frage ich mich, warum ich das mit den Sprengungen mache, aber dabei kommt nichts raus. Ich frage mich auch sonst nicht viel.

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