Quasi Things
Dezember 2010Neulich war ich mal wieder im Quasimodo. Mal wieder ist gut, denn das ist mindestens dreißig Jahre her. Der Club liegt seit 1975 gleich neben dem Theater des Westens in der Kantstraße, im Keller unter dem Kino Delphi.
Schindler in Charlottenburg, unglaublich, und der Grund dafür liegt noch viel weiter zurück: Auftritt der Pretty Things, einer englischen Band, die 1963 gegründet wurde und bis heute Krach macht. Und was für Krach. Den großen Erfolg hatte sie nie, aber die anderen konnten da über die Jahre schön was klauen.
Fing ganz harmlos an. 1962 gründeten ein paar Jungs eine Band mit dem todcoolen Namen Little Boy Blue and the Blue Boys. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Mick Jagger, Keith Richards und Dick Taylor, letzterer am Bass. Taylor ging kurze Zeit später wieder, um mit einem Phil May zusammen 1963 The Pretty Things zu gründen. Er wurde ersetzt durch Bill Wyman, und der war noch jahrzehntelang Bassist der Band, aus der eben die Rolling Stones wurde. Lustig, was?
Taylor wird im kommenden Januar 68 Jahre alt, sein Passmann May ist ein Jährchen jünger, aber die Kondition der beiden ist passabel. Sie sind einfach gut, Taylor spielt Gitarre wie ein nicht mehr ganz junger Gott, und May, der auf der Bühne außer singen und rasseln nichts kann, kann das so gut wie vor bald fünfzig Jahren, außer dass er eben "a bit younger then" war. Die anderen sind nicht so alt, aber das merkt man ihnen nicht an.
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Der Autor erfreut sich an der
schönen MusikDas Konzert beginnt mit "something fast", und es ist Roadrunner, einer der frühen Erfolge, später kommt was von dem berühmten, aber erfolglosen Konzeptalbum "S. F. Sorrow" nach einer Kurzgeschichte von Phil May aus dem Jahr 1968. Von dem nicht einmal The Who bestreiten, dass ihnen beim Hören die Idee zu "Tommy" kam, einer wohl erst später sogenannten Rockoper von 1969. - Noch ganz andere sagen, dass die Things auf ihre Art den Punk vorweggenommen - also erfunden - hätten, und das ist so weit hergeholt nicht.
Zum Glück wird im Club nicht geraucht, so dass ich die Band auch von weiter hinten gut beobachten kann. Auffällig ist, dass alle ständig lachen, grinsen, milde lächeln. Vielleicht ist es der Spaß an der Musik, vielleicht liegt es auch daran, dass alle das Publikum genau im Auge behalten. Das dortige Durchschnittsalter liegt bei 60 Jahren, und es läge noch höher, wären da nicht ein paar Youngsters in derb gestrickten Wollkleidchen und schiefen Mützen auf ganz langen Haaren. Auffällig viel Paare sind da, und bei vielen scheint die Beziehung so alt zu sein wie die Band. "Mama, keep your big mouth shut" hieß ein frühes Stück, aber das zu spielen wäre heutzutage furchtbar peinlich.
Die Stimmung kommt gut voran, es ist feuchtwarm, denn es wird längst getanzt, gesprungen, gerockt, gebrüllt wie am Spieß und die Band übertrifft sich selbst. Weil sie heute Nacht gut ist und nicht irgendwann damals.
Dann ist es einfach vorbei. Eine Zugabe und Schluss. So muss das sein, denn sind nicht viel zu viele Abschiede viel zu lang?Bleibt mir zuletzt die Frage, ob Dick Taylor manchmal daran denkt, zu den Rolling Stones zurückzukehren. - Nein, macht er nicht - ihm fehlt das Zeug zum Äffchen.