Vor den Toren des Nichts
Januar 2008Ich sitze nackt auf einem Schemel in der Küche, senke den Blick und betrachte meinen... Nein, das ist nicht wahr, ich sitze am Tisch und habe Angst. Das neue Jahr ist schon ein paar Tage alt und ich bin spät dran. Mein Freund Herbert hat mir erzählt, dass ich zum 1. Januar einen Feinstaubfilter einsetzen lassen müsste von wegen meiner Innenstadttauglichkeit. Im Urban-Krankenhaus haben sie die Implantate, sagte Herbert schon vor drei Wochen, kleine Operation in der Nähe des Schlüsselbeins, leichte Narkose, und schon bekommst du einen schönen blauen Stempel in den Ausweis.
Ich habe das Haus seit Tagen nicht verlassen. Die Zwickmühle ist klar: Gehe ich ohne Filter aus dem Haus, mache ich mich strafbar. Gehe ich nicht aus dem Haus, muss ich hier verdursten. Zum Urban brauche ich nicht länger als zehn Minuten, was aber passiert, wenn ich unterwegs dorthin kontrolliert werde? Über die Ausrede haben die Kollegen doch längst zuende gelacht. Ausweis vergessen!
Ich stehe am Fenster und suche die Straße ab. Die Luft ist rein, wie es aussieht, aber was weiß ich, wie die Kontrolleure aussehen. Ordnungsamt? Bundespolizei? Gar Zoll in Zivil? Die Leute sind doch fein raus, die haben sich ihre tollen Implantate bestimmt schon vor Wochen machen lassen.
Ich schließe gerade das Fenster, als das Telefon klingelt. Es ist Herbert: »Wie sieht‘s aus, Alter, gehen wir einen trinken? Ewig nicht gesehen.« Ich weiß genau, wann wir uns zuletzt gesehen haben und sage: »Nein danke, mir geht es heute nicht so gut.« - »Was ist denn los mit dir, Silvester wieder voll zugeschlagen oder was.« - »Nein«, sage ich mutlos aber gefasst, »es ist wegen des Filters.« Herbert schweigt. Die Stille in der Leitung rauscht mir wie heißes Blut durchs Hirn. Ich sage: »Herbert?« Da platzt es aus ihm, das böse Lachen eines alten Mannes, dem ein gutes Späßchen gelungen ist. Er lacht und lacht. »Fritz«, sagt er endlich luftlos, »die Sache mit den Filtern gilt erstmal nur für Autos. Wie kannst du denn auf so einen Scheiß reinfallen.«
Ich lege auf.
Ich sitze auf meinem Schemel in der Küche und weine haltlos. Solche Angst gehabt. Und nun? Ich muss nicht nachts zum Urban schleichen, niemand wird mir die Brust aufschneiden und ich kann völlig unkontrolliert durch die Innenstadt lustwandeln. All die Angst. Angst.