Tote Dosen
Februar 2011Sonnabend, 15. Januar 2011. Ich sitze zuhause am Computer und quäle mich mit einem Text für das Gemeindeblatt. Eine weiße Seite, und ganz leer. Schlimmstes was gibt. Als selbst das improvisierte Stoßgebet nicht hilft, wird der Bildschirm schwarz und alles andere auch.
16:49 und der Strom ist weg.
Ich trete ans Fenster und stelle fest, dass mich kein Einzelschicksalsschlag traf. In meiner Straße sind alle ohne Licht, nur die Gaslaternen unten mühen sich gegen die immense Dunkelheit. Eine Frau im Haus gegenüber ruft mir zu: "Haben Sie auch keinen Strom?" Die sonst todsicher dummfreche Antwort fällt mir heute nicht ein, so rufe ich zurück: "Ja!"
Vielleicht sollte ich das Dichten ganz lassen.
Ich leuchte mich durch die Wohnung mit einer Hochleistungstaschenlampe, die ich nach dem letzten Stromausfall beschafft hatte und die seitdem gleich hinter der Tür nach draußen auf ihren großen Moment wartete. Der ist jetzt da, aber was soll ich mit dem bisschen Licht ohne Strom?
Ich suche fieberhaft nach einer Lösung, eine kleine Idee muss her und schwupp: Gehen wir doch in die Kneipe, da ist bestimmt Licht, so oder so. Ich entscheide mich für das Dichtercafé in der Blücherstraße, zwei Minuten später stehe ich in Hut und Mantel unter der Tür und werfe einen letzten Blick zurück. Nichts zu machen.
Im Treppenhaus ist es dunkler als unter irgendeiner Bettdecke, ich breche mir dennoch nicht den Hals, vielleicht weil ich hier auch mit geschlossenen Augen hinunter finde. - An der Ecke Mittenwalder sprechen zwei junge Burschen über den Ausfall und spekulieren über dessen Reichweite. Ich mische mich ungefragt in das Gespräch und erweitere den Horizont der Jungs, indem ich meine Beobachtung teile, dass westlich der Zossener Straße Licht wäre. Genau, sagt der eine und sie machen sich auf die Beine. Ich bin in der Gegenrichtung unterwegs, am Too Dark vorbei, links die Schleiermacher hoch. Alles dunkel, auch mein Ziel. An der riesigen Kreuzung ist finstere Nacht: Kein Licht von der wohl 12 Meter hohen, vierstrahligen Straßenlaterne in der Mitte, der Spätkauf genauso dunkel wie der kleine Supermarkt und die Kneipe. Die Werbung am Buswartehäuschen, die Ampeln - nichts. Die tags so schöne Tempelherrenstraße hat keinerlei Tiefe, Quatsch, sie ist überhaupt nicht zu sehen.
Ich öffne die Kneipentür mit Schwung, springe rein und brülle: "Von Plünderungen ist abzusehen!" und alles schreckt zusammen. Ich sehe mit meinem Eierbecher und der Lederjacke aber auch aus wie ein früh gealterter Zivilpolizist. Einer sagt: "Hör doch uff mit die Scheiße", und zieht sich verlegen aus der Handtasche seiner Tischnachbarin zurück. Der Laden ist schwach beleuchtet von ein paar Teelichten, die Barfrau zapft mit einer unter den Ellenbogen geklemmten Taschenlampe. Warum habe ich Idiot nicht daran gedacht, meine Kopflampe mitzubringen, die würde ihr jetzt helfen.
Ich setze mich auf einen meiner sieben Lieblingsplätze; heute ist es die Bank am Fenster, von der aus ich innen und außen alles gut beobachten kann. So schön: Kein Fernseher, keine Musikbox, kein Photo-Play. Die Leute haben ihre gute Samstagslaune wie immer, der Strom fehlt nicht wirklich und er ist kein Thema. Die Barfrau geleitet einen von der Dunkelheit verstörten Gast mit ihrer Taschenlampe auf die Toilette. Sie kommt ohne ihn zurück und berichtet, dass sie mal habe schauen wollen, als er an das Urinal trat, aber das war ihm peinlich, dem Spießer, sagt sie.
Ich habe mir mein Weizenbier freundlicherweise selbst eingegossen, und als das erste Stromlos-Likörchen kommt, geht das Licht wieder an. Haben wir ein Glück. - Ich etwas weniger, denn neben mir auf dem Tresen fährt der kleine Photo-Play-Scheißer hoch, und ich kann im Detail sehen, welche öden und widerwärtigen "Anwendungen" geladen werden. Ich armer Hund.
Es ist 17:22.
Bald kommt olle Eberhard rein, kriegt seine Schultheiss-Kugel hingestellt und berichtet. Er hat nämlich gerade wieder fernsehen können und kennt die ganze Geschichte: Technischer Defekt im Umspannwerk Zossener Straße. Wer hätte das gedacht.
Später lese ich irgendwo, dass rund 17.000 Haushalte (also Wohnungen) und 3.000 Betriebe (also Kneipen) betroffen waren. Interessant, nicht wahr. Und das Umspannwerk ist im Haus Nummer 9, hofseitig, falls Sie mal schauen möchten.
33 Minuten. Doll, wie dunkel alles ist ohne Licht.
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Das berühmte Dichtercafé in der Blücherstraße,
hier wieder mit Licht.