Trevirasakkos und ein pubertierender Eisbär
Seppo Kyrvilä meldet sich mal wieder aus der Ferne zu WortAuch in diesem Sommer musste ich mal wieder der Stadt den Rücken kehren. Nicht etwa, weil ich dringende auswärtige Verpflichtungen hätte, sondern weil ich es auch nach all den Berliner Jahren keine zwölf Monate am Stück in diesem lauten, stinkenden Moloch aushalte.
So belud ich, wie in jedem Jahr, an einem sonnigen Sommersonnabend mein Auto und startete Richtung Norden. Wie in jedem Jahr hatte ich mich fragen lassen müssen, warum ich denn nicht das Flugzeug nähme, wie in jedem Jahr hatte ich etwas politisch Korrektes über den vergleichsweise geringen Schadstoffausstoß der Fähre Rostock-Helsinki gemurmelt und wie in jedem Jahr hatte ich damit mehr oder weniger gelogen. Denn natürlich nehme ich in erster Linie den Wagen, um den Lieben daheim möglichst viel gutes deutsches Bier mitzubringen.
In fröhlicher Urlaubsstimmung kehrte ich Kreuzberg den Rücken, mit heiterem Gemüt passierte ich des Ortsausgangsschild und die Gedenktafel an die einstmalige Ummauerung Westberlins. Doch gute Laune wird in und um Berlin umgehend und gnadenlos bestraft. Ab dem Berliner Ring ging nicht mehr viel, mein KfZ und ich krochen in besserem Schritttempo inmitten einer unübersehbaren Masse von Familienkutschen mit sächsischer Zulassung, an und auf denen die größtmögliche Anzahl von Fahrrädern festgezurrt war, in Richtung Küste.
Der einzig tröstliche Gedanke in den Stunden der automobilen Agonie war, dass der in letzter Zeit arg ins Gerede gekommene Solidaritätszuschlag wenigstens im bettelarmen Mecklenburg-Vorpommern auf den Kopf gehauen wird.
Um es an dieser Stelle abzukürzen: Schließ- und endlich kam ich an, wurde von Eltern, Freunden und Verwandten herzlich empfangen (nicht zuletzt wegen der flüssigen Fracht) und ließ es mir nach Kräften gut gehen. Doch schon bald schweiften die Gedanken zurück in jene Stadt, aus der ich doch eben erst glücklich geflüchtet war.
Zum Glück hat mein alter Kumpel Heikki eine Satellitenempfangsanlage. Ich besuche ihn jetzt täglich pünktlich zur Abendschau und ernte blankes Unverständnis. Heikki kann einfach nicht begreifen, warum ich fast süchtig danach bin, mir täglich von Männern in Trevirasakkos die neuesten Katastrophen aus einer bankrotten und maroden Stadt berichten zu lassen. Er interessiert sich nicht die Bohne für Titanen der Gegenwart wie Rolf Eden und Frank Zander. Er fragt mich allen Ernstes, was denn an einem pubertierenden Eisbären so faszinierend sei. Er ist vermutlich ein echter Provinzler, dem der Sinn für prickelndes Metropolenflair einfach fehlt.