Trostpreis für den Lustgreis
November 2007

Ich bin unterwegs nach Kreuzberg. Unter den Yorckbrücken muss ich anhalten und pumpen, weil die Felge jetzt jeden Buckel spürt. Im Reifen vorn ist schon seit Wochen ein Loch, durch das die Luft konsequent entweicht. Wenn ich ganz hart aufpumpe, habe ich 22 Minuten Zeit. Dann muss ich wieder ran. Ich pumpe mir die Seele aus dem Leib, es ist nass und kalt und dunkel unter den verdammten Brücken und ich hasse mich für meine Defizite. Jeder andere Penner hätte das längst geflickt. Du Faulpelz. Trunkenbold. Nichtsnutz.

Ich bin fertig mit der Pumperei. Schnell das Ventil zugeschraubt, das französische, was eine feinmotorische Spitzentat ist, wenn man eben so grob war und schwitzt und zittert vor Wut. Ich stecke die Pumpe weg und will aufsteigen, da kommt eine Frau gefahren, sie ist groß und schön und in der Gegenrichtung unterwegs. Sie sieht mich nicht einmal an. Zielsicher pedalliert sie an mir vorbei und weg ist sie. Immer sind alle weg.
Ich fahre. Kalte Tropfen eines längst gefallenen Regens sammeln sich über mir in den Brücken, sie haben nur auf mich gewartet und stürzen sich skrupellos auf mich. Von rechts oben sieht mich eine Frau an, roter Rock, rote Pömps, natürlich, was sonst, Schindler, was sonst. Sie blickt leblos auf mich herab von der riesengroßen Reklame für todchicen Dreck. Ich versuche ihr unter den Rock zu gucken, als könnte ich mich so wehren gegen ihren Blick, aber das ist ganz falsch. Ich bin widerlich. Abstoßend. Ich bin ein Schwein. So leicht komme ich mir doch nicht davon.
Kreuzberg. Keine Brücken mehr und ich folge der Yorckstraße mit kühnem Schwung. Gleich bin ich zuhause, und da schieb ich das Rad in den Hof und lauf die paar Meter zum Bier und basta, später nochmal pumpen ist nicht.
Das Rad verliert auch Luft, wenn ich nicht damit fahre. Persönlich muss ich das wirklich nicht nehmen.

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