Revolution und Tuica
Juni 2007Gestern hab ich mit meinem hirntoten Kumpel Herbert gesoffen. Auf dem Tisch hatten wir eine friesische Bierspezialität und klein daneben was Griechisches.
Schon dadurch war der thematische Rahmen klar abgesteckt: Wir sprachen über das Wetter. Erst diskutierten wir den frühen Hochsommer vor ein paar Wochen, neuerdings auch »Aprilwetter« genannt, nur andersrum. Dann sind wir an drei Tagen hintereinander insgesamt neunmal nass geworden auf unseren beschissenen Fahrrädern.
Herbert war früher Kommunist oder sowas, und er hat von seinen großartigen Sommern erzählt in Budapest, Warschau und noch irgendwo. All die Frauen, all der Sex, all der Schnaps. Ich war früher kein Kommunist oder sowas, aber ich war - aus anderen Gründen - immerhin in Moskau, Bukarest und Potsdam. In Moskau war Winter, in Bukarest gar nichts und in Potsdam war DDR. An Sex und Schnaps kann ich mich nicht erinnern, ich weiß aber noch, wie ich in einer ländlichen Region im Norden Rumäniens bei der Pflaumenernte zugesehen habe, und ich vermute, dass die Leute daraus ihren köstlichen Tuica gemacht haben, der doppelt gebrannt übrigens Palinka heißt, genau wie im benachbarten Ungarn.
Wo war ich stehengeblieben. Genau. Herbert und ich haben das Thema Sex nicht weiter verfolgt, neigen wir doch auch im angetrunkenen Zustand nicht zur Aufschneiderei, und wen hätten wir denn beeindrucken können mit unserem senilen Gerede.
Manchmal träumt Herbert noch von der Revolution und er gibt dann zu, dass er gern das Volkskommissariat für Kultur übernommen hätte, allerdings weniger aus politischen Gründen, sondern weil er so sicher sein konnte, seine unveröffentlichen Gedichte einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
Und ich träume von Schönefeld. Wie ich im August 1989 mit einem 10-Liter-Kanister voll Tuica durch die Grenzkontrolle geschwankt bin. Der Uniformierte sagte: »Wie war das Wetter in Bukarest?« Das fragt der Mann mich im Hochsommer, und ich denke an den Uniformierten in der 64 Grad heißen Halle des Bukarester Flughafens, wie er - also der Uniformierte dort - mit seiner weißen Operettenkreuzschiffskapitänsmütze auf dem Kopf an meinem Kanister riecht und »multumesc« sagt. Bedankt er sich dafür, dass ich die vitalen Ressourcen seines Landes ins kapitalistische Ausland verbringe? - Herbert weiß es auch nicht, er hat gerade eine Lesung in der Großen Halle des Volkes. Ausverkauft, na klar.