Grenzerfahrungen am unbunten Rand
Juni 2005

Ich habe es im Leben zu nichts gebracht und obendrein wohne ich in der Fürbringerstraße. Halb so schlimm, werden Sie denken, aber ich sage: Und was ist mit Pfingsten? Sie fangen Donnerstagnachmittag an mit ihrer sinn- und verstandlosen Absperrerei und meine kleine Straße erlebt einen Stau-GAU wie ihn der Times Square noch nicht gesehen hat. Und zwar nicht, weil die ewig oberschlauen Schleichwegsucher hier alles zur Sackgasse machen, sondern weil es nicht anders kommen kann. Oder würden Sie die Zossener von der Gneisenau in Richtung Norden auch erst ab der Fürbringer sperren? Würden Sie nicht, weil man den Kopf zwanglos in einen Eimer stecken kann, aber nicht in einen Trichter.
Nachts schlafen ist ganz schlecht, denn ständig sind Polizei und Notarztwagen unterwegs. Vielleicht unterwegs zu jenen, die eben noch grölend unter meinem Fenster pausierten und eigentlich immer grölen, egal ob sie aus dem Stadion kommen oder von Onkel Herberts Beerdigung. Richtig lang war die Pause zum Glück nicht, aber die Zeit hat gereicht, alles vollzupissen und sich mit Flaschen zu bewerfen.
Irgendwann bin ich wohl eingeschlafen, aber nicht für lang. Um fünf Uhr früh höre ich eine Frau auf den Mann ihrer Wahl einbrüllen, wieso er bitteschön den ganzen Abend dieser Tussi da auf ihren Knackarsch gaffen musste. Wenn ich richtig gezählt habe, hat sie siebenmal gefragt. Was er geantwortet hat? Nichts, er hat nur dagelegen und vor sich hingestarrt.
Sonntag habe ich dann meine eigene Dummheit auf die Spitze getrieben. Mit dem Auto raus ins nasse Grün, fernab des Karnevalstreibens ein paar ruhige Stunden bei Freunden im Garten. Gibt nichts Schöneres mit Milchkaffee und Radio live vom Südstern. So. Spät abends komme ich zurück nach Kreuzberg, der Umzug ist längst vorbei und ich kann trotzdem nicht in meine gottverdammte kleine Straße, weil überall zu ist mit Wannen und Schildern und fiesen Männern mit Hut auf. Ich umkreise das Gelände weiträumig, suche nach einer undichten Stelle und denke endlich: Versuch es von oben, Mann, versuch die Friesenstraße! Ecke Columbiadamm erblickt mein müdes Auge unter dem Einfahrt-verboten-Schild den mild leuchtenden Zusatz "Anlieger frei". Der Ein-Euro-Nachtwächter fragt, was ich will und ich erschlage ihn nicht wortlos mit dem  Wagenheber, sondern sage meine Adresse im Herzen des Hurricane. Da verlangt der Mann die Vorlage eines amtlichen Personaldokuments, um meine Angaben zu überprüfen. Ich denke nicht lange nach; wenn mich ein Uniformierter dazu zwingen kann, warum sollte ich das Ding nicht jedem beliebigen Hanswurst freiwillig zeigen? Er lässt mich durch. - Ich überlege kurz, ob ich die Marke an seiner Brust gewaltsam entferne und eine Stunde Dienst für ihn tu. Endlich richtige Anarchie in Kreuzberg und ich bin's gewesen! Wildfremde Autos kreisen im Chaos und machen alles kaputt, was sich die anderen in Jahrzehnten harter Arbeit aufgebaut haben. - Aber da fahre ich schon harmlos durch Friesen und Zossener auf die völlig verwüstete Gneisenau, Bulldozer schieben den Dreck einer Dreiviertelmillion zusammen, tonnenweise in die Gosse gehauenes Eis taut leise knackend verlegen vor sich. Hier geht gar nichts, kein Durchkommen. Ich schaffe es irgendwie zum Südstern, dann durch die Blücher an der Baerwald vorbei, wo sie mich zum Umkehren zwingen wollen, aber da ist mein Gasfuß vor. Wenn ich hier nachgebe, habe ich für immer verloren. Durch die Schleiermacher lande ich endlich in meiner kleinen Straße und finde auf Anhieb einen sehr schönen Parkplatz, aber das wundert nur Idioten wie mich.
Ich verschwinde im Too Dark und begieße meine zarte Pflanze Freiheit. Beim ersten Bier kehrt Friede ein in meine wüste Seele: So schlimm war das doch gar nicht, denke ich und freu mich über die beiden Punks, die an der Wurstbude Ecke Mittenwalder so schön geknutscht haben.
Pfingstmontag treffe ich einen Nachbarn, der angezogen ist wie einer, der ein paar Halbe trinken geht. Er sagt: "Karneval?" Ich sage: "Ich bin doch nicht verrückt!" Er: "Ich auch nicht."
Der Mann wohnt in der Fürbringer.

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