Gefangen im Universum
März 2006

Zuhause ist mir langweilig, also mache ich mich auf den Weg, irgendein schweineteures Zubehör für bizarren Sex zu kaufen. Bauhaus, denke ich, kein Problem, zwei Stationen mit der U-Bahn gehen auch bei schlechtem Wetter. Auf dem Mittelstreifen Gneisenaustraße Ecke Mittenwalder trete ich in eine mit Glatteis gefüllte Pfütze und mein gesamter Körper gerät für den Bruchteil einer Sekunde außer Kontrolle. Ich fange mich, als mein rechter Fuß etwa auf Ohrhöhe ist und mein linker Arm ein Kind umreißt, das mit der Sache nichts zu tun hat, und ich fange mich, weil ich jahrelang Torhüter beim Handball war und da ist die beschriebene Körperhaltung eine Selbstverständlichkeit.
Unten am Automaten kaufe ich einen Kurzstreckeneinzelfahrausweis, entwerte ihn sachgemäß und eine Minute später rollt der Zug Richtung Rudow ein. So kann der Tag weitergehen. Neben mir stehen zwei Uniformierte der BVG, die der verehrten Kundschaft das Gefühl von Sicherheit vermitteln sollen. Sie unterhalten sich über Wirkungsweise und mögliche Folgen der Einnahme bestimmter Stoffe auf menschliche und tierische Organismen. Das Thema verwirrt mich einigermaßen, außerdem ist der Zug grad so laut und die beiden sehen nun mal aus, als hätten sie in ihrem Leben nichts getan als Uniform tragen und trinken.
Der Bahnhof Gneisenaustraße ist 105 Meter lang und liegt 4,3 Meter unter der Fahrbahn. Die Zahlen gehören zu jenen, die ich einfach nicht vergessen kann und ich gehöre zu jenen, die in der Bahn immer an der Tür stehen müssen. Über mir springt die rote Lampe an und die Tute tönt müde, doch bevor die Tür sich schließt, stürmt noch einer rein und ich schwöre bei Gott, er hat einen Döner in der Hand und ich glaube meinem schrecklichen Schicksal nicht und die Tür knallt zu und ich bin gefangen mit dem namenlosen Gestank, der sofort den Wagen füllt, den Erdkreis und das Universum dazu.
839 Meter bis Südstern und mein Kilometerzähler im Kopf rattert rückwärts. Die Uniformierten sprechen jetzt über die Entlüftung von Stromleitungen und ich weiß nicht, wie lange ich die Luft noch anhalten kann. Aus dem Anorak des Döner-Essers ragt der gelbe Griff einer Banane und ich ahne mein Ende. Da saust eine fremde Hand auf meine Schulter nieder zu den Worten: Mensch, Fritz, lange nicht gesehen! - Ich erblicke das feine Antlitz meines alten Kumpels Herbert, der seit zwanzig Jahren versucht, seinen P-Schein zu machen und praktisch hirntot ist und ich hasse mich für die Idee mit dem Heimwerkerkram. Noch 86,5 Meter. Ich kann nicht mehr ohne Luft. Ich ziehe den fauligen Dunst aus Zwiebeln, Knoblauch und Herberts Fahne ein und wenn ich jetzt nicht tot umfalle bin ich unsterblich. Herbert will, dass ich rede. Döner freut sich auf Banane. Uniformknöpfe aus purem preußischen Silber funkeln im Neonlicht. 32 Meter. Ich kann es schaffen. Der Zug steht fast und meine Finger zittern am Drücker. Jetzt! Ich stürze hinaus, ich habe Luft, ich nehme drei Stufen auf einmal und oben sticht mir das kalte Lachen der Sonne ins Herz. Was tun vor Jubel und Glück? Was tun!
Herbert taucht neben mir auf und sagt: Komm, wir gehn einen trinken. Und ich sage: Na gut.

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