An verlorenen Orten
Seppo Kyrvilä denkt über Kreuzberg nachDas Nachdenken über Kreuzberg geht aus der Entfernung am Besten, dachte ich. Ein Kumpel hatte mir seine Hütte in der Nähe von Ämmänsaari überlassen und so verbrachte ich die Feiertage ganz in der Nähe der russischen Grenze. Das Zimmer mit dem Bett und dem Ofen hatte einen wunderbaren Ostblick, tief hinein nach Karelien konnte ich schauen und grübeln über mein Leben in der großen Stadt mit ihren Menschen darin.
Ich stehe am Fenster und sehe hinaus in die polare Landschaft und denke an das Kottbusser Tor, dick verpackt in Schnee und Junkies und Apotheker mit preiswerter Medizin - und Touristen, die das Staunen nicht lassen können über ihre eigene Tapferkeit, nicht schreiend wegzulaufen vor so faszinierendem Elend.
Oder ich schau auf zum grenzenlosen stahlgrauen finnisch-russischen Himmel und denke daran, wie ich neulich in einer Kneipe ein paar Gesinnungsteenies beim Musikhören zusah. "Fuck the pain away" kam da von der Konserve, und ich habe noch niemals Menschen gesehen, die mit etwas so grundeinverstanden waren. War das ein Trommeln auf dem Tresen, war das ein Nicken mit dem Kopf. Immer wieder, nur der eine Satz, nur der eine Auftrag. Fuck the pain away. Ging das wirklich drei Stunden lang?
Ich habe mich auf einen Stuhl gesetzt, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und gehe die Tempelherrenstraße hinauf Richtung Norden. In der Küche Parterre rechts zerschellt Porzellen auf steinernem Boden. Er: "Polterabend, oder wat?!" Sie schweigt, ich kann sie schweigen sehen hinter dem Fenster. Sie liebt ihn nicht.
Ich bin selbst schuld, was sitze ich so viel in Kneipen herum, wenn Feierabend ist und außer Bier nichts schmeckt. Was hat die Kreuzberger Erlebnisgastronomie nicht alles zu bieten für einen wie mich. Da sprechen zwei eine ganze Dreiviertelstunde lang über Flatratetarife, man kennt sich aus in den Details; am Ende steht die immergleiche Einsicht, dass das "alles Verbrecher" sind. "Wie bei den Handys." Ich stehe auf. Was soll ich an einem Ort, der noch verlorener ist als dieser hier?
Aufhören, sofort aufhören, sonst endet das wieder in einer üblen Geschichte über den 41-er Bus. Ich warte dringend auf einen euphorischen Schub. Ich liebe euch doch alle, ihr Hundefreunde Bierbaucharschfaltenmänner Schlabberlatzhosenträger Nachtsnichtschlafenkönner Krachmachervordemherrn ihr himmelhochjauchzendendauernddeprimiertenaufewig verkorkstenverkrachten Wundermenschen ihr.