Völker der Welt, sauft in dieser Stadt
Seppo Kyrvilä war mal wieder unqualifiziert

Triumph und Scheitern liegen dicht beieinander. Nachdem in der letzten Ausgabe die Europameisterschaft von finnischen, nun ja, Musikern zu vermelden war, so haben einige meiner Landsleute im Juni gründlich versagt. Eigens aus meiner Heimat eingeflogene Bärenhäscher konnten nicht verhindern, dass ein grundsympathischer Problembär im Süden des Landes gemeuchelt wurde. Eine fast schlimmere Niederlage als die Nichtteilnahme an der nunmehr endenden Weltmeisterschaft im Männerfußball.
Letztere hinderte eine Handvoll fröhlicher Landsleute indes nicht, ihren Sommerurlaub in Kreuzberg zu verbringen, wie eine Abbildung auf Seite 8 eindrucksvoll belegt. Überhaupt waren erstaunlich viele Fans in der Stadt, deren Nationalteams selbst dem Ereignis des Jahres fern geblieben sind. So traf ich auf mehr als eine Schar fröhlicher Schotten, die gekommen waren, um die schwedische Mannschaft um den Celtic-Stürmer Larsson anzufeuern und ansonsten den verhassten großen Nachbarn aus dem Süden der Insel zu verfluchen. Unklar hingegen blieb mir die Motivationslage eines Vater-Tochter-Gespanns aus Armenien, die auf dem Schwarzmarkt gewaltige Summen in Tickets investiert hatte. Wesentlich einleuchtender war da schon der Auftritt jener irischen Sportfreunde im Logo, die nicht müde wurden, die Größe der deutschen Chipstüten und das erschwingliche Fassbier in Berlin zu preisen.
Letztere übrigens trugen ihren Teil zu der Farbenkombination des Sommers bei und schwenkten zu ihren grasgrünen Nationalleibchen das allgegenwärtige Schwarz-Rot-Gold.
Dies taten die ortsansässigen Einwanderer übrigens auch. Deutschlands Farben wehten an so ziemlich allen Dönerhütten und Falafelschmieden, nach Siegen der hiesigen Nationalmannschaft waren etliche dunkle Dreier-BMW zu sehen und hören, aus denen junge Männer neben der hiesigen die Flagge des Landes ihrer jeweiligen Vorfahren schwenkten.
Die plötzliche Begeisterung für die Farben der deutschen Republik sorgte für Raunen in den Feuilletons - manch ein Phantast schwafelte von positiven Zeichen der Integration und faselte vom Ende der Parallelgesellschaften. Ich denke, man sollte die Moschee im Dorf lassen: Die Weltmeisterschaft war eine große Party,  bei der eben alle mitmachen wollten - egal ob die Kicker aus der alten Heimat dabei waren. Bei einem Länderspiel der Deutschen gegen den Libanon oder einem Match der Hertha gegen einen türkischen Club dürften die Loyalitäten in Kreuzberg wieder klar verteilt sein.

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