Warten auf den Tod
Dezember 2006

Das war sicher gut gemeint. Die Kollegin aus der Buchhaltung hat mir eine ganze große Plastiktüte voll mit Fertiggerichten geschenkt, Dosensuppen, Tütennudeln und  Minutenbecher, die mit kochendem Wasser aufgefüllt werden - all diese Sachen. Ob das als Weihnachtsgeschenk gedacht war, kann ich nicht sagen, aber es ist nun mal die Zeit.
Mein erster Versuch heißt »Penne mit Broccoli und Frühlingskräutern«. Ich koche zuhause nichts außer Kaffee, trotzdem finde ich in der gebotenen Zeit eine Art Rührlöffel und einen »weiten Topf«, wie unter »Zubereitung« gefordert. Ich soll »warmes Wasser« hineingeben, bei mir kommt aber nur kaltes aus der Wand und ich beschließe, die Anweisung zu umgehen und kaltes in dem Topf zu erhitzen, bis es warm ist. Ich rühre nun den Beutelinhalt ein und lasse ihn unter Rühren aufkochen. - Mein Tipp: Riechen Sie dabei auf keinen Fall am Beutelinhalt!  Das Essen kocht nun und das soll sieben Minuten so weitergehen, »bis die gewünschte Sämigkeit erreicht ist.« Ich kann es kaum erwarten, und dann! Sie ist erreicht, und ich hole meinen Löffel raus und bin nicht so dumm, gleich loszuessen, sondern rühre noch ein wenig. Da ich seit Jahren am Liebsten im Stehen aus dem Topf esse, stütze ich mich mit der Linken gemütlich auf der Waschmaschine nebenan ab und nehme den ersten Löffel. Sämig genug, denke ich und esse weiter. Ich gehöre eigentlich nicht zu den Menschen, die beim Essen unbedingt lesen müssen, aber heute überwiegt meine Vorliebe fürs Kleingedruckte: 68 % Hartweizengrießteigwaren. Nicht übel. Noch ein paar andere Sachen drin, aber soviel Platz ist  hier nicht. Außerdem lerne ich interessiert, dass die Dosensuppenmarke Knorr heute zu »Unilever Bestfoods» gehört.
Die Penne gehen zur Neige, ich nehme den Topf mit der Linken hoch, halte ihn schräg, damit nichts übrig bleibt. Zum Schluss stelle ich den Topf in die Spüle, lasse ihn mit Wasser volllaufen und werde ihn bestimmt bald abwaschen.

Ich liege nun auf dem Bett und wünsche mir nichts sehnlicher, dass ein Mensch käme und eine Aromalampe entzündete. Oder einen Adventskranz. Meinetwegen die ganze verdammte Wohnung. Es geht mir nicht gut. Ich habe die große, einsame Sehnsucht, nach all den Jahren zu entschlafen, einfach tot zu sein. Nicht mehr in weiten Töpfen rühren, nicht mehr abends mit dem Rad rumfahren und das Licht ist schon wieder kaputt, nicht mehr schlecht gezapftes Bier in öden Spelunken trinken und »Born To Be Wild« dazu hören müssen. Weihnachten könnte so schön sein.


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