Ist Wilhelm Tell gescheitert?
Seppo Kyrvilä steht unter Fremdherrschaft

Auf der Rütli, einer malerischen Wiese am schönen Urner See, tätigten der Sage und Friedrich Schiller (nicht Schindler!) nach die ersten Schweizer im Jahre 1291 den Schwur, "ein einzig Volk von Brüdern" sein zu wollen. Ganz so harmonisch ging es im verflossenen Jahr an der gleichnamigen Schule in Neukölln offenbar nicht zu. Es entspann sich die Diskussion des Jahres, die auch 2007 weiter geführt oder zumindest in "Tagesspiegel" und "Zeit" spätestens im Sommerloch wiedergekäut werden wird: "Ist Multikulti gescheitert?"
In der Tat wäre Berlin ohne Zuwanderer kaum denkbar, allenfalls als slawisches Kaff in mäßig fruchtbarer und kaum erfreulicher Gegend. Menschen kamen zunächst aus anderen Teilen Mitteleuropas hierher, inzwischen aus dem ganzen Rest unserer großen Welt, inklusive Finnland. Selbst die Preußenkönige entstammten einer ursprünglich schwäbischen Adelsfamilie.
Als König braucht man sich nicht groß an die örtlichen Gepflogenheiten anzupassen. Doch es folgten Jahrhundert um Jahrhundert Schwaben über Schwaben nach Berlin, seit dem vergangenen Jahrhundert vor allem nach Kreuzberg. Und um deren Integration ist es wahrlich nicht gut bestellt. Augenfällig wurde dies anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft im vergangenen Sommer: Schwarz-Rot-Gold allüberall, doch inmitten all dieser ungewohnten nationalen Farbenpracht prangte im Herzen des Kiezes ohne Namen ein schwarz-gelbes Banner mit seltsamen Wappen ­ die Landesflagge Baden-Württembergs, wie ich mir erklären ließ. Sie weht noch immer und zeigt den Migranten aus Schwarzwald und Alb einen Ort an, in dem sie ihre unverständliche Sprache sprechen, Käsespätzle und Maultäschle und andere Gerichte, die auf "le" enden, verspeisen und einander versichern können, dass Trollinger ein echter Wein und kein grausamer önologischer Scherz sei.
Nun könnte man erwidern, dass es die Kreuzberger Norddeutschen, derer es nicht wenige gibt, ebenso machen: Sie treffen sich, wenn das Heimweh plagt, in einer Gaststätte, weit und hell wie die Norddeutsche Tiefebene, und lassen sich von einem der plattdeutschen Sprache mächtigen bremischen Sozialisten das ungenießbar bittere Bräu der Friesen kredenzen. Doch es gibt da einen Unterschied: der Norddeutsche neigt zur selbstgenügsamen Melancholie, während der rührig-umtriebige Menschenschlag aus Deutsch Südwest Banden bildet und sich die Schlüsselpositionen in Kreuzbergs Medien, Kultur und Politik unters Nägele reißt. Sie kamen nicht als Brüder, sondern, ganz nach Hohenzollernart, als Fremdherrscher.

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