Kinder, wie die Zeit vergeht
Seppo Kyrvilä isst sein Frühstücksei am liebsten wachsweichZeit ist nichts Absolutes, das haben schon lange vor mir weit klügere Menschen herausgefunden. Albert Einstein wird der Ausspruch zugeschrieben, dass zwei Minuten auf einer heißen Herdplatte relativ lang, zwei Stunden mit einem hübschen Mädchen hingegen relativ kurz seien. Dieses Bonmot sollte für einen Mann wie mich kaum von Belang sein. Ich halte mich so gut wie nie auf heißen Herdplatten auf und hübsche Mädchen in meiner Umgebung - nun ja, da habe ich wohl wieder ein Thema gefunden. Und wenn ich mir mein Frühstücksei koche, dann verlasse ich mich weniger auf mein Gefühl, sondern schaue auf die Uhr. Handelsklasse M, fünf Minuten, lecker, das Ei, nicht die Uhr.
Und doch ist es mir aufgefallen, dass Zeit durchaus relativ sein kann. Das erste Mal erschien es mir in der U-Bahn, Station Hallesches Tor. Ein Leuchtdisplay zeigt an, wann dem gerade verpassten Zug der nächste folgt. Es kam mir seltsam vor, dass die Minuten minus sechs und minus zwei länger wirkten als die übrigen. Kurzweilig ist die letzte, da geht die blanke Information in ein lustiges Flackern über. Doch warum kamen einem von den übrigen Minuten die eine länger, die andere kürzer vor. Das passierte mir nicht nur einmal.
Eines Tages hatte ich die Faxen dicke und benutzte die Stoppuhrfunktion meines Mobiltelefons. Das Resultat war verblüffend: Mein Zeitgefühl war völlig in Ordnung, ganz im Gegensatz zu der elektronischen Anzeige. Die angezeigte Zeit war also keineswegs relativ, sondern absolut. Absolut falsch. Warum machen die das nur? Will die BVG uns auf die Probe stellen?
Über ein weiteres Paradoxon im Zusammenhang mit der Zeit grüble ich auch schon eine Weile herum, auch dieses hat mit der BVG zu tun. Wie kann es sein, dass man an einer Omnibuslinie, die im Zehn-Minuten-Takt bedient wird, nennen wir sie einmal M 41, in der Regel weit über eine Viertelstunde warten muss? Ich habe einen befreundeten Mathematiker gefragt, aber der hat nur abgewunken. Doch die BVG liefert nicht nur Rätsel, sie bestätigt auch Einstein. Vorhin im Bus, der Sitz war unbequem, der Stil des Fahrers brutal, hätte mir die Zeit doch recht lang vorkommen sollen. Doch mir gegenüber saß eine in der Tat atemberaubend schöne Frau. Sie telefonierte zwar, was ich eigentlich hasse, aber ihre Stimme war wohlklingend weich und sie sprach über Kochrezepte, auf Finnisch. Ich hätte ihr stundenlang zuhören können und siehe - Sitz und Frau glichen einander aus, zeitlich. Nach genau elf Minuten war ich am Ziel, wie der Blick auf die unbestechliche Armbanduhr zeigte.