Zwölf durchIch gehe die Blücherstraße runter Richtung Osten, rechts Mittenwalder, links Brachvogel. Der Mond strahlt wacker auf stockschwarze Wolken, die ihn zu verdecken suchen, aber sie sind zu schwach. Das bin ich auch, aber ich schreite voran mit der letzten Kraft eines Kerls mit Donnerstagabenddurst.
Der schwere Diesel des 41-er Busses dröhnt seitlich und überholt mich an der Kreuzung, ein dicker Mann ganz vorn erhebt sich, um an der Tempelherrenstraße auszusteigen. Am Spätkauf auf der Ecke trinken die immer dortigen durstigen Männer oder lassen es für die Nacht.
Ich wende mich nach links. Drüben strahlt mein Ziel in rotem Neon, 24 Stunden geöffnet, alles nur für mich.
Richtig, ich habe heute Geburtstag und der wird jetzt begangen! Leicht war mein Leben bisher nicht, daher habe ich beschlossen, mir ordentlich einen zu trinken. Besser wird es dadurch wohl kaum, aber später habe ich ein paar Stunden Ruhe vor bösen Gedanken an früher.
Und sputen muss ich mich, denn bald ist Mitternacht und der Ehrentag rum. Ich durchschreite die Tür und bin nunmehr der einzige Gast. Die Barfrau kommt gerade von hinten, sie hat dort den Eiskübel... wie heißt denn das Ding - Eistrog? Egal, jedenfalls nicht Eisbecher. Sie begrüßt mich mit einem leichten Doppelkuss und sagt irgendwas. Ich sage auch irgendwas mit Schnaps dazu und sie serviert flott. Das ist doch mal schön gefeiert! Fünfundfünfzig Jahre. Demnach bin ich 1955 geboren. Einsteins Todesjahr, allerdings ein paar Monate früher.
Ich verliere mich in komplizierten naturphilosophischen Betrachtungen am Beispiel des Baumes, der da draußen so schön von einer Laterne angestrahlt wird. Und ich beobachte mein Funktelefon, das neben dem Glas liegt und schweigt. Kein Anruf, keine SMS. Nur die Zeit wird mir gezeigt und die wird knapp. Knapp.
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Ein Schlag auf die Schulter weckt mich und ich blicke in das Gesicht meines Freundes Herbert. War ich also mal wieder eingenickt. Häuft sich im Alter. "Ich trinke Korn", bestimmt Herbert und spricht einen viel zu langen Text über das Wesen der Schnapszahl. Da ist es nicht weit zu den Primzahlen und er erklärt mir, warum die immer länger werden. Ich verstehe kein Wort, aber mein großer Tag ist fast rum und ich wollte doch so schön feiern. Dann eben mit Herbert. Da ich eine gut entwickelte Kinderstube habe, kann ich nun nicht dauernd auf die Uhr sehen. Er redet und redet. "Menschenskind", unterbricht er sich, "ganz vergessen." Er kramt in seiner fiesen Aktentasche, gibt mir eine Schachtel und sagt: "Für dich!" - "Oh, ein Geschenk!" sage ich etwas glücklos. Der Karton ist leicht vergilbt und darin stecken: Salz- und Pfefferstreuer. Auf welchem Trödel hat er die denn. Ich versuche, ein erfreutes Gesicht zu machen, aber das misslingt. Nur ein Reisebügeleisen wäre noch schlimmer. Ich bin viel zu spät dran für ein Wort des Dankes und das findet auch Herbert: "Es gefällt dir nicht." - "Doch, Herbert, es ist sehr schön." Das macht die Situation noch peinlicher, besonders, weil ich mit dem Daumen kurz über die Schachtel streiche.
Die Barfrau kommt endlich mit frischen Getränken.
Ich: "Wie spät?"
Sie: "Zwölf durch".
Tiefe Enttäuschung furcht meine rastlose Seele, aber was weiß Herbert von meiner Seele. Er ist verbittert wegen seines missglückten Geschenks und schweigt. Auch ich habe nichts mehr zu sagen, so trinken wir wortlos weiter, bis er sein geleertes Glas hinstellt und sagt: "Dann wollen wir mal." Packt ein und geht grußlos. Nur die Schachtel lässt er zurück.Ich brauche nichts dringender als eine Idee und schon ist sie da: blitzschnell das Telefon geschnappt, auf Winterzeit umgestellt und nun habe ich noch eine dreiviertel Stunde lang Geburtstag. Plumper Trick, das schon, aber warum nicht mal in Ruhe feiern. Die Barfrau kommt.
August 2010